
ORVILLE PECK
Wer sich mit Orville Peck beschäftigt, kommt an dem Bild nicht vorbei: die Maske, die Fransen sowie die tiefe Stimme, die klingt, als sei sie direkt aus einem Highway-Radio gefallen. Und doch war 2025 für den kanadisch-südafrikanischen Country-Außenseiter vor allem eines: ein Jahr der Entblößung. Künstlerisch, persönlich, radikal.
Nach dem Kollaborationsalbum „Stampede“ (2024), auf dem er mit Ikonen wie Willie Nelson, Kylie Minogue und Elton John zusammenkam, suchte Peck nicht die Wiederholung des Erfolgs, sondern die Zumutung. Er ging an den Broadway. In der gefeierten Produktion von Cabaret spielte er 128 Abende lang den Conférencier und trat erstmals ohne Maske auf. Verletzlichkeit als ästhetisches Programm. Diese Monate in New York wurden zur Folie für eine neue Werkphase. Zwischen Proben, Vorstellungen und Kampfkunsttraining für seine Rolle im Film Street Fighter schrieb er Songs, als müsse er sich selbst neu vermessen. Gemeinsam mit Jacob Portrait von Unknown Mortal Orchestra entstand die EP „Appaloosa“, ein Sieben-Song-Zyklus über Aufbruch, Angst und das vorsichtige Wiedererlernen von Liebe. Der Titel ist Programm: Das Appaloosa-Pferd, gesprenkelt und unverwechselbar, steht für das, was Peck lange als Makel empfand: sein Anderssein. Nun feiert er es. Musikalisch kehrt er zu den Referenzen seiner Jugend zurück, zu schrammelnder Alternative-Ästhetik, zu Shoegaze-Anklängen, die eher an Pixies oder The Smashing Pumpkins erinnern als an Nashville. Und doch bleibt es Country, nur eben in Cinemascope. Im Song „Oh My Days“ wagt Peck etwas, das in seinem Werk beinahe revolutionär ist: ein Liebeslied ohne doppelten Boden. Nach Jahren, in denen Herzschmerz sein bevorzugtes Sujet war, singt er nun vom zögernden Glück einer neuen Beziehung, vom Misstrauen gegenüber dem eigenen Glück. Selbst das Cover von „Maybe This Time“, jener bittersüßen Hymne aus „Cabaret“, gerät ihm zur Country-Ballade über Hoffnung wider besseres Wissen.
Und dann ist da die Bühne. Wer Peck live erlebt, versteht, dass seine Kunst dort ihre eigentliche Dringlichkeit entfaltet. Die Konzerte sind keine bloßen Wiedergaben von Studioaufnahmen, sondern dramatische Verdichtungen: Pathos trifft Ironie, Camp trifft existenzielle Sehnsucht. Die Maske – wenn er sie trägt – wirkt weniger wie Versteck als wie Vergrößerungsglas. Jede Geste, jeder Bariton-Ton wird zum Statement. Mit „Appaloosa“ im Gepäck dürfte die kommende Tour zur Feier dieser neu gewonnenen Freiheit werden. Peck, der einst aus der kalifornischen Weite nach New York City aufbrach, um sich selbst herauszufordern, kehrt nun als gereifter Performer zurück auf die internationalen Bühnen. Seine Shows erzählen vom Mut, anders zu sein, und davon, dass Kunst im besten Fall Rettung ist. Im Juni 2026 kommt Orville Peck für ein Konzert nach Berlin. Eine Stadt, die das Anderssein seit jeher feiert. Man ahnt: Es wird passen.